Zurück in die Heimat

Am 16. Juli 1948 griff Fortuna endlich in mein Lebensrad und machte dem dreieinhalbjährigen Hungerleben ein Ende. Ich hatte das Glück, mit dem ersten Transport Gesunden in die Heimat zu fahren. Bisher wurden nur Kranke und vor allem Unterernährte entlassen. Man händigte uns neue Unterwäsche aus und steckte uns in einen neuen blauen Leinenanzug. Doch die alten ausgetretenen amerikanischen Lederkähne - sprich Schuhe - mußten wir ausziehen. Das wäre ein zu großer Verlust für Väterchen Rußland gewesen.

Wir erhielten dafür neue Segeltuchschuhe mit starren Holzsohlen.

Dann bereicherte man sich zum Abschluß nochmals an uns. Alle handgeschriebenen Tagebücher, Notizbücher und sogar die Post von Zuhause wurden uns abgenommen. Doch als wir vor dem Tor standen, waren wir mit unseren leeren Taschen viel reicher als die, die mit tausend Rubel in der Tasche hinter dem Zaun standen.

Wir wurden zum Bahnhof gefahren, wo noch viele Kameraden aus den anderen vier Lagern von Dnjepropetrowsk zusammen kamen. Am Bahnhof erhielten wir alle noch neue deutsche Soldatenmäntel. Die Pritschen in den Güterwaggons mußten wir selbst bauen. In einen normalen Waggon kamen 18 Mann, in einen großen Pulmann 40 Mann. Abends vor der Abfahrt wurden wir nochmals vom Lager verpflegt. Frühmorgens gegen sechs Uhr wurden unsere Herzen dann um einen Stein leichter, als sich der Zug in Richtung Westen in Bewegung setzte.

Dann ging es zweieinhalb Tage in einem Höllentempo durch die Ukraine. Es waren wirklich erstklassige Waggons - man hatte das Gefühl, auf einer Kipplore zu sitzen. Bei diesem Transport gab es richtigen Gefangenenfraß. Trockengemüsesuppe und zwei Scheiben Trockenbrot als Tagesration. An letzterem konnte man sich alle Zähne ausbeißen. Es ging das Gerücht um, die Verpflegung sei deshalb so schlecht, weil die Zugleitung am Ankunftsbahnhof die eingesparte Verpflegung verhökern würde. Diese Annahme war nicht aus der Luft gegriffen; wir hatten in diesen Angelegenheiten schon so mancherlei Erfahrung gemacht.

In Brest-Litowsk, welches die von Hitler und Stalin festgelegte Grenze zwischen Rußland und Polen war und auch noch ist, wurden wir ausgeladen und nochmals aufs genaueste durchsucht. Vor allem durften keine Rubel mitgenommen werden. Hier mußte ich schweren Herzens Abschied von meinem bis dahin so sorgsam gehüteten Kriegstagebuch nehmen; doch wer will sich schon wegen eines solchen Buches die Heimfahrt verderben?

Dann wurde von der Transportleitung eine Resolution verfaßt - vielleicht war sie aber auch schon bei der Abfahrt vorhanden - in welcher der Sowjetunion aufs herzlichste gedankt wurde für all das Gute, das sie an uns getan hatte - - - ?

Dann ging die Fahrt einen ganzen Tag lang durch Polen. Gegen Abend liefen wir in den Bahnhof von Frankfurt/O. ein. Als wir dort vor den Einfahrsignal warteten, läuteten die Abendglocken. Welch ein Gefühl der Freude, nach so vielen Jahren wieder Kirchenglocken zu hören. Schweigend und mit Tränen in den Augen nahm jeder von uns diese heimatlichen Klänge wahr. Alle dankten wohl in diesem Moment unserem Herrgott für die glückliche und gesunde Heimkehr. Als wir den Zug verlassen hatten, wurden wir in eine Kaserne geführt. Dort konnten wir duschen, erhielten frische Wäsche und einen vernünftigen Haarschnitt, so daß wir wieder wie ordentliche Menschen aussahen. Dafür opferten wir schon gerne unsere Nachtruhe.

Am frühen Vormittag ließ man noch ein in SED-Tunke gefärbtes Varietèprogramm vor uns abrollen. Vertreter der ostzonalen Parteien hießen uns im Namen des Demokratischen Deutschlands herzlich willkommen. Anschließend wurden uns unsere Entlassungsscheine ausgehändigt. Nur wer im Besitz dieses Papiers war, konnte behaupten, daß er rechtmäßig aus dem für uns so treu sorgenden (!) Rußland entlassen war.

Nun ging es in das Heimkehrerlager Gronenfelde, welches der deutschen Zivilverwaltung unterstand. Wegen der Abfahrt der Züge kamen wir dort schon nach Ländern sortiert in die vorgesehenen Baracken.

Die Westdeutschen erhielten zwanzig Ostmark und diejenigen, die sich in die Ostzone entlassen ließen, fünfzig Ostmark. So wurden wir gegen Mittag in Güterzüge verladen und die Fahrt ging durch deutsche Lande. Es gab auf dieser Fahrt öfters Unterbrechungen, weil die Strecken alle nur eingleisig waren. Kamerad Iwan hatte die anderen Gleise der Einfachheit halber in sein Heimatland transportieren lassen.

In Leipzig gab es einen längeren Aufenthalt, Hier erhielten wir ein Mittagessen. Wir versuchten auch auf dem Bahnhof unsere zwanzig Ostmark an den Mann zu bringen, weil wir ja im Westen hiermit nichts anfangen konnten. Da es jedoch außer Zeitungen und Ansichtskarten dort nichts gab, schenkte ich den Rest der Bahnhofsmission. Von dort schickte ich auch ein Telegramm an meine Mutter mit dem Wortlaut: Ankomme Ende dieser Woche, Rudi.

Weiter ging die Fahrt bis Ölsnitz im Vogtland. Hier kamen wir nochmals in ein Heimkehrerlager, welches in einer alten Burg untergebracht war. Wir wurden sicherheitshalber noch einmal entlaust und bekamen Marschverpflegung für zwei Tage. Als dies alles erledigt war, wurden wir in die Stadt in ein Kino geführt. Am nächsten Morgen ging es mit dem Zug zur deutsch-deutschen Grenze. Dort wurden wir abgesetzt und mußten in einer Bretterbude warten, bis der von Bahnpolizei begleitete Zug aus dem goldenen Westen kam. Wir riefen den russischen Posten noch ein "Nimmerwiedersehn" zu und fuhren nach Hof, die erste westdeutsche Stadt.

Dort kamen wir wieder in ein Barackenlager, wo wir jedoch eine ausgezeichnete Verpflegung erhielten. Reis mit Rosinen, Gebäck, Zigaretten und Schokolade. Nach einer Übernachtung ging es weiter nach Ulm. In Aalen wurde die Fahrt zu einer Mittagspause kurz unterbrochen und gegen Abend erreichten wir dann Ulm an der Donau. Mit Omnibussen wurden wir auf den Kienlesberg gefahren und kamen in die dortige Kaserne. Wir wurden von der Lagerführung und der Geistlichkeit herzlich begrüßt und dann ärztlich untersucht und geröntgt. Noch am selben Abend wurden wir von amerikanischen Offizieren nach unserer Tätigkeit in Rußland befragt. Auch konnte ich hier zum erstenmal seit der Kapitulation an einem katholischen Gottesdienst teilnehmen.

Während der Nacht ging es dann wieder weiter. In zwei reservierten D-Zug-Wagen fuhren wir fahrplanmäßig am Neckar entlang, überquerten den Rhein und liefen Bad-Kreuznach an. Von dort ging es mit einem Personenzug zum Entlassungslager Bretzenheim, welches der französischen Armee unterstand. Durch dieses Lager mußten alle Heimkehrer, welche sich in die französische Zone entlassen ließen. Der russischen Entlassungsschein mußten wir abgeben und erhielten einen neuen in deutscher und französischer Sprache. In Bad-Kreuznach konnte man noch Marschverpflegung empfangen und dann fuhr jeder mit einem Freifahrtschein privat in Richtung Heimat.

Um 0.15 Uhr lief der Zug von Koblenz kommend im Bahnhof Trier ein. Zuerst einmal tief Heimatluft einatmen - - - teure Heimat sei gegrüßt! Ein Heimkehrer aus Ayl stieg ebenfalls mit mir in Trier aus. Der letzte Zug in Richtung Saarburg war leider vor einer Stunde abgefahren. Da der nächste Tag ein Sonntag war, fuhr vor zehn Uhr kein Zug mehr in Richtung Saarburg. Aber ich konnte doch nicht so kurz vor meinem Ziel zehn Stunden auf das so sehnsüchtig erwartete Wiedersehen warten.

Von Eisenbahnern erhielt ich den Hinweis, daß in den frühen Morgenstunden ein Auto der Molkerei an die untere Saar fahren würde. Nach einer Übernachtung beim Roten Kreuz fuhren wir mit diesem bis nach Biebelhausen.

Schnell ging es mit der Fähre über die Saar dem geliebten Vaterhaus zu, dessen Anblick mir so viele Jahre vorenthalten worden war. Leider war es in meiner Abwesenheit ein Vaterhaus ohne Vater geworden.

Es folgte das Wiedersehen mit meiner lieben Mutter. Doch bei aller Freude mischten sich sofort traurige Gedanken dazwischen, da ich bei diesem Wiedersehen meinen Vater und meine Tante Maria vermißte. Zum Besuch der Sonntagsmesse mußte ich mich noch umziehen, was mir allerdings Schwierigkeiten bereitete. Meine noch vorhandene Zivilkleidung war immerhin über sechs Jahre alt und paßte nicht mehr.

Nach der Messe kam wohl der schwerste Gang meines bisherigen Lebens - der Gang zu den Gräbern meiner lieben Angehörigen. Mit einem Vaterunser auf den Lippen, welches zugleich ein Dankgebet für die glückliche und gesunde Heimkehr sein sollte, war nun erst nach fünf Jahren und acht Monaten der Krieg für mich beendet.



Gebe Gott, daß die Völker der ganzen Welt

nach diesem blutigen Ringen

sich endlich versöhnen

und alle einen dauerhaften

Frieden anstreben.




Entlassungsschein

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